Therapy? @ Berlin 2018-10-21

Es ist mir jedes Mal wieder eine Freude, die Jungs von Therapy? live anzuschauen. Die Band ist nun schon seit 29 Jahren aktiv und ich davon 25 mit ihnen unter anderem als treuer Tonträger-Erwerber und Konzertbesucher. Am Sonntag war es dann auch mal wieder soweit und wir trafen uns in einer auch für die Band alles andere als unbekannten Location, nämlich dem guten alten SO36 in Kreuzberg, wieder.

Auf meine Begleitung vor den Toren wartend wurde einerseits schnell deutlich, dass auch Kurzentschlossene noch Einlass würden erhalten können, andererseits, dass auch in diesem Falle – wie bei den meisten Bands – das Publikum mitaltert. Die meisten dürften eine ähnliche diebische Freude gehabt haben, sich diesen Spaß mal wieder anzutun.

Für die Aufwärmrunde waren die Jungs von Ondt Blod zuständig. Die fünfköpfige Hardcore-Combo aus Nordnorwegen legte sich denn auch mächtig ins Zeug und heizte die Stimmung kräftig auf. Sänger Aslak Heika Hætta Bjørn schien sich zeitweise wohl für den Mainact zu halten. Jedenfalls erklärte er dem Publikum wiederholt seine Liebe und auch, dass die Truppe in diesem Jahr schon zum dritten Mal in Berlin und zum zweiten Mal im SO36 sind.

Therapy machen vom Start weg ordentlich Druck.

Der Stimmung hat es allerdings nicht geschadet, so dass die Temperatur im Saal schon um einige Grad angestiegen war, als die Bühne wieder frei war. Das blieb sie allerdings nur bis 21 Uhr. Ohne großen Schnickschnack legten Therapy? mit dem ersten Track ihres neuen Albums Cleave los, Wreck It Like Beckett. Track 2, Kakistocracy, folgte gleich im Anschluss. Das konnte sich hören lassen, das Publikum nahm es wohlwollend an. Den Einstieg machte schließlich der erste Troublegum-Track Die Laughing perfekt.

Anschließend guckte Sänger Andy Cairns mit einem „Noch Fragen?“-Ausdruck im Gesicht ins Publikum. Dass die Band ihre Gigs inzwischen mit einer völlig selbstsicheren Abgezocktheit durchzieht, merkte man dann auch daran, dass mit Lonely, Cryin‘, Only vom 98er Album Semi-Detached doch eher eine Überraschung im Set landete. Zudem freuten wir uns schon recht früh im Set über das Hüsker Dü-Cover Diane, welches seit einigen Jahren in einem eher dreckigen Punkgewand daherkommt und nicht mehr als die Schmusenummer, die noch auf dem Infernal Love Album zu hören war.

Keine Kompromisse – egal ob schnell oder langsam, ob neu oder alt.

Ich krieg dann schnell ein breites Grinsen, wenn bei solchen Klassikern vorne der Pogo abgeht. Ich finde es einfach geil, wenn sich gestandene Mitvierziger aus ihrem Banker-IT-Berater-Familienvater-Leben befreien und wie Teens anfangen zu toben. Ich natürlich mittendrin, da ich auch ein paar dieser Klischees erfülle 😉 Erstaunlicherweise fällt tatsächlich keiner zu Boden und auch mit einer leeren Bierflasche in der Gesäßtasche besteht für keinen wirklich eine Verletzungsgefahr.

In der Folge wechselt die Band geschickt neues Material mit Klassikern ab: Auf die neue Single Callow folgt das gute alte Opal Mantra. Nach Save Me from the Ordinary – einer Kreation von Basser Michael „Evil Priest“ McKeegan – geht bei Turn und Trigger Inside in der ganzen Halle die Post ab. Dazwischen erfahren wir, dass Drummer Neil Cooper heute Geburtstag hat und so singen wir auf Geheiß von Andy alle zusammen „Neil, Neil, Drum Like a Motherfucker! Neil, Neil, …

Geburtstagskind Neil Cooper trommelt sich den Wolf während ihn Andy und Michael supporten.

Schließlich bildet I Stand Alone die Brücke zum Abschluss des Hauptteils, der es in sich hat! Screamager macht den Anfang, direkt gefolgt von Teethgrinder. Wir wirbeln wild und glücklich durcheinander und können dann eine kurze Verschnaufpause gut gebrauchen, die Andy für die Frage nutzt, ob den irgendwelche Iren im Saal wären. Es findet sich tatsächlich einer: „This song is for you. It’s an old Irish folk song…“ Die Spannung steigt durch die folgende Kunstpause des Sängers, der uns schließlich dann doch mit der Refrain-Zeile „James Joyce is fucking my sister“ erlöst und damit den Klassiker Potato Junkie einläutet.

Andy Cairns: „James Joyce is fucking my sister!“

Wieder tobt vorne alles wild durcheinander. Zum Abschluss des Hauptteils kommt dann eigentlich die richtige Message rüber: Stop It You’re Killing Me. Erst mal Luft holen, Erlebnisse teilen. Ob es wohl für ein neues Bier reicht? Eher nicht, stört eh nur beim Herumhüpfen. Und weiter geht’s …

Die Zugabe wird mit einem weiteren Troublegum-Track Unbeliever eröffnen, gefolgt vom Infernal-Love-Klassiker Misery. Dann ist nochmal das aktuelle Ablum Cleave in Form von Crutch dran. Die Stimmung ist bestens: Nein, meine Herren, wir sind noch lange nicht müde. Die Band antwortet wieder mit 90er Material: Stories – den Text kriegen wir auch noch zusammen! Zwischenzeitlich noch ein kleines Judas-Priest-Cover Breakin‘ the Law.

The „Evil Priest“ Michael McKeegan

Wie? Was? Ihr wollt immer noch tanzen? Na gut – bei Nowhere brechen dann erwartungsgemäß alle Dämme und jetzt tanzt auch wirklich die letzte Anwesende, ob freiwillig hier oder nicht. Das Stückchen kennt vermutlich wirklich jede(r). Doch damit ist noch nicht Schluss, die Band wirft mit scharfen Messern: Knives – somit wären es insgesamt acht Tracks vom Album Troublegum. Damit vom neuen Album wenigstens ebensoviele gespielt wurden, gibt’s dann als Finale noch Success? Success is Survival, dessen Refrain sich auch schnell breit durchsetzt.

Eineinhalb Stunden geballte Energie aus Nordirland. Das Publikum ist glücklich, die Band auch und verbeugt sich tief zum Abschluss. Sie lieben uns, haben sie gesagt – wir tun es auch. Auf ein baldiges Wiedersehen in der Hauptstadt.

Setlist

  • Wreck it Like Beckett
  • Kakistocracy
  • Die Laughing
  • Lonely, Cryin‘, Only
  • Expelled
  • Diane (Hüsker Dü-Cover)
  • Callow
  • Opal Mantra
  • Save Me From The Ordinary
  • Turn
  • Trigger Inside
  • I Stand Alone
  • Screamager
  • Teethgrinder
  • Potato Junkie
  • Stop It You’re Killing Me

Zugabe

  • Unbeliever
  • Misery
  • Crutch
  • Stories
  • Nowhere
  • Knives
  • Success? Success Is Survival

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