Ein Herz für Headbanger – Die Helfer im Hintergrund (2/3)

Das andere Ende der Notrufleitung

In Teil eins unserer Serie habe wir euch einen kurzen Überblick über die Situation und die Menschenmengen auf dem Festival verschafft.

Nun geht es darum: Wenn ich auf dem Festivalgelände einen Notfall habe und wähle den Notruf, was passiert dann am anderen Ende der Leitung?

Ruft man vom Festivalgelände aus den Notruf (112) meldet sich ein Einsatzdisponent der eine verfügbare (nicht bereits auf einem Einsatz befindliche) Einheit (Team aus mindestens zwei Rettungs- bzw. Sanitätskräften) ermittelt (die bestenfalls in der Nähe zum Einsatzort ist) und zu dem Einsatzort disponiert (Einheit an den Einsatzort schicken und über Einsatzdetails, also wem ist was passiert, informieren).

Ganz so einfach ist es natürlich nicht ‒ für denjenigen in der Leitzentrale. Aus Sicht des Einsatzdisponenten sind einige Fragen offen.

  • Wo ist das Ende der Notruf-Leitung und wie kommt der Anruf da hin? (Ok, zugegeben, diese Fragen stellt sich wohl, wenn überhaupt, eher der Anrufer 😉
  • Wie findet man den Einsatzort?
  • Wie wird eine freie Einheit ermittelt?
  • Woher weiß man welche Einheit in der Nähe des Einsatzortes ist?
  • Wie wird die Einheit an den Einsatzort disponiert?

Bei einer Stadt sind die Fragen einfacher zu beantworten als bei einem temporären Ereignis wie dem Wacken Open Air ‒ auch wenn die Einwohnerzahl gleich ist.

Übersicht über den Wacken Campground
Übersicht über den Wacken Campground

Einsätze in einer Stadt

Im Falle einer Stadt mit 100.000 Einwohnern sähe es in etwa so aus:

Das Ende einer Notruf-Leitung ist normalerweise ein Arbeitsplatz einer Einsatzzentrale von Rettungsdienst, Polizei und/oder Feuerwehr. Der Einsatzort wird entweder am Telefon vom Anrufer mitgeteilt oder technisch ermittelt. Technisch kann dies über die Auflösung der Rufnummer zu Adresse und Name bei Festnetzanschlüssen aus einer speziellen Datenbank der Telefonie-Provider oder bei Mobilfunkteilnehmern über eine Mobilfunkmasten-Triangulation geschehen.

Die Einsatzkräfte übermitteln ihren Status stetig an die Zentrale und verfügen über Personen- und/oder Fahrzeugtracker mit GPS, so dass der Verfügbarkeitsstatus und der Aufenthaltsort meist auf einen Blick ersichtlich sind. Disponiert wird diese Einheit dann per Funkruf, Wachausdruck oder durch ein mobiles Datenterminal im Fahrzeug, auf dem dann die Einsatzdaten wie Einsatzort (Wo ist etwas passiert?) und Einsatzstichwort (Was ist passiert?) ersichtlich sind.

Wache Wacken

Auf dem Wacken gibt es trotz gleicher flächenmäßigen Größe doch ein paar Unterschiede zu dem Regelbetrieb in einer Stadt.

Die Notrufe vom Wacken Open Air sind in aller Regel mobil und aufgrund der hohen Anzahl Personen auf dem durch nur wenige Mobilfunkmasten abgedeckten Areal ist eine Handy-Ortung zu ungenau. Zudem kennt der Anrufer seinen genauen Standort oftmals nicht („Ja hier so beim Zelt auf’m Campground C… oder war’s D? Ich seh jedenfalls viele Dixies und langhaarige mit schwarzen T-Shirts“). Der Veranstalter stellt zwar vor Festivalbeginn Straßenschilder auf, diese erleiden jedoch meist nur wenige Minuten nach dem entdeckt werden von den anreisenden Teilnehmern auf wundersame Weise eine massive Existenzunlust, wechseln den Besitzer oder werden umgefahren… Sind also quasi nicht vorhanden. Die zudem über das Gelände verteilten Flaggen mit Quadranten-Positionen sind für eine genaue Positionsbestimmung auch zu weit verteilt. Trotzdem tut der Einsatzdisponent sein menschenmögliches um durch gezielte Fragen einen ungefähren Einsatzort zu ermitteln. Doch auch selbst wenn der Einsatzort bekannt ist kann es sein, dass der Weg dorthin nicht so einfach befahrbar ist, speziell in Jahren wie 2015 ‒ mit 145 Liter Regen pro Quadratmeter in der Woche.

Schlamm
Foto: RKiSH
Schlamm Situation auf dem Wacken Open Air 2015
Wacken Schlamm

Situation WOA

Um den Anforderungen an die spezielle Situation gerecht zu werden muss also massiv in die Infrastruktur investieren werden und ein entsprechendes Sicherheitskonzept ausgearbeitet sein. So kann sichergestellt werden, dass die durchschnittlichen 12 Minuten bis zum Eintreffen der Hilfskräfte auch auf dem Festival gelten bzw. noch unterboten werden.

Einsatzleitzentrale im Container

In Folge dessen hat man sich unter anderem dazu entschlossen, während des Festivals das Ende der Notrufleitung direkt auf das Festivalgelände zu verlegen. In dem Fall sind die Arbeitsplätze des Einsatzleitsystems von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst in einem Containerdorf in der Grube (dem ehemaligen Austragungsort des WOA) untergebracht. In dem Containerdorf befinden sich auch die Produktions-Container des Veranstalters (bekannt aus den Infrastruktur-Updates von Harry Metal) und des Ordnungsamtes.

Wacken-Kuhle aus der Luft
Luftbild: Wacken Open Air 2015 – Best of Aerial Shots (youtube)

Betrieben wird diese Zentrale von der Rettungsdienst Kooperation in Schleswig-Holstein. Die RKiSH wurde 2005 gegründet und hat sich 2007 der Kreis Steinburg angeschlossen hat. Wer bis hierher gelesen hat, den wird eventuell auch interessieren wie man sich das vorzustellen hat: es wird also keine eigene Zentrale oder ein Lagesystem nur für das Festival aufgebaut, sondern es werden zusätzliche Arbeitsplätze des existierenden Einsatzleitsystems (in dem Fall eurofunk der Firma Kappacher) aufgebaut. Das bestehende System der für das Dispositionsgebiet zuständigen Kooperativen Leitstelle West wird somit also „einfach“ um ein paar Arbeitsplätze erweitert. Die Einsatzdisponenten (die freundlichen Menschen am Ende der Notrufleitung) sehen im Prinzip alle laufenden Einsätze auf ihren Monitoren des Einsatzleitsystems, können sich aber durch entsprechende Filter nur diejenigen anzeigen lassen welche das WOA betreffen. Die Besonderheit des Ganzen liegt darin, dass durch die Erweiterung des regulären Systems auch Einsätze außerhalb des WOA gefahren werden können. Denn da man ja jetzt die neue „Wache“ in Wacken auch Einheiten vor Ort hat kann man Notfälle in und um Wacken, also Beispielhaft in Besdorf oder Bokhorst, schneller bearbeiten als von den regulären Wachen.

Mobile Notrufe vom Festivalgelände gelangen erst nach Elmshorn, werden dort von der Telefonie-Infrastruktur erkannt und auf die Arbeitsplätze in der Grube umgeleitet, während festivaleigene Notrufe (quasi Festnetz) direkt dorthin geleitet werden. Man spricht also eigentlich mit jemandem der schon vor Ort ist.

Wo? Warum? Wer? Wann?

Das Problem mit dem Ende der Notrufleitung wäre also gelöst, nun kommt aber der schwierigere Teil:

Wie findet man den Einsatzort und welche Einheit schickt man am besten dort hin?

Diese Frage möchten wir euch im nächsten und letzten Teil beantworten.

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